Die Holzretter
Ein Tischler-Duo aus dem Wendland verarbeitet lokales „Schadholz“ für unser Warenhaus zu zeitlos schönen Schneidebrettern

Vom Baum zum Holz

Sie ist ein Traum von Baum, die Esche, besonders wenn sie alt, dick und ihre Borke runzelig geworden ist, im reizvollen Kontrast zu den gefiederten Blättern. Doch gegen das Falsche Weiße Stängelbecherchen, einen Pilz, sind selbst die stattlichsten Exemplare machtlos. Zuerst befällt er die Blätter, dann sterben die Triebe ab. So auch im Lüchower Schützenpark im niedersächsischen Wendland. Schnell waren die Kronen vieler Eschen kahl und die kranken Bäume zunehmend eine Gefahr für die Parkbesucherinnen. Als es für die Bäume keine Hoffnung mehr gab und der Park aus Sicherheitsgründen abschnittweise gesperrt werden musste, gab die Denkmalschutzbehörde ihr Einverständnis und die Holzfäller rückten an. Im Februar 2019 fielen 28 Bäume, viele davon mehr als 100 Jahre alt.

Bis hierher eine traurige Geschichte. Doch sie geht tröstlich weiter: Hendrik Hinrichs aus dem 20 Kilometer entfernten Hohenweddrien hatte einen Tipp bekommen, rief bei der Holzfällerfirma an und kaufte ihr gerade noch rechtzeitig einen Großteil der Stämme ab – die sonst gehackt oder gehäckselt in Öfen gelandet wären.

Ungeahnt fette Beute für den freischaffenden Drechsler und Tischler. Meist ergattert er nur einzelne Bäume aus der Umgebung. Im einstigen Schweinestall des großelterlichen Fachwerkhofs gestaltet er daraus zum Beispiel Schalen, Objekte, kleine Möbelstücke und Gewürzmühlen, alles Unikate. „Ich hatte Herzklopfen, als der Transporter ankam: 20 Festmeter feinstes Eschenholz, jeder Stamm fünf Meter lang. Ich wusste erst gar nicht, was ich damit anfangen soll!“, erzählt Hendrik mit ironisch verzweifelter Geste. Er bestellte erst einmal ein mobiles Sägewerk, ließ die Stämme in Bohlen schneiden und stapelte sie zum Trocknen auf.

Kurz darauf klopfte das Greenpeace Magazin Warenhaus an. Wir waren auf der Suche nach einer Manufaktur, mit der wir eigene Massivholzprodukte aus ungenutzten lokalen Ressourcen wie Straßen- und Parkbäumen entwickeln konnten. Und wir waren froh, mit Hendrik Hinrichs und seinem befreundeten Tischlerkollegen Andreas Scheffer nicht nur ein eingespieltes, uns gleichgesinntes Team gefunden zu haben, sondern auch gleich einen hölzernen Schatz dazu. Unsere Idee für die Lüchower Eschen: robuste Küchenarbeitsbretter – ohne Leim, Lack und Schnickschnack in traditioneller Handwerkstechnik gefertigt.

Auch weil ihnen wichtig ist, die Herkunft genau zu kennen, kommt den Wendländern überwiegend lokales Holz unter den Hobel. Und zwar bevorzugt solches „von der Straße“. „Hendrik und ich halten immerzu Ausschau nach Straßen-, Park- oder Gartenbäumen, die einer höheren Gewalt zum Opfer fielen und zum Beispiel aus Gründen der Verkehrssicherung weichen mussten“, erzählt Andreas. Um an die begehrte Ressource zu kommen, pflegen sie Kontakte etwa zu Straßenmeistereien, Holzfällern und Bäuerinnen. „Obwohl sogenanntes Schadholz oft makellos ist, wird das meiste als Brennstoff, Spanplatte oder anderweitig unwürdig verwertet, einfach weil es am schnellsten geht. Jammerschade!“, kritisiert Hendrik augenrollend. Andreas konnte sich zum Beispiel mal die Stämme zweier stolzer, aber todkranker Ulmen sichern: „Herrliches Holz, das für den Kamin bestimmt war! Mein letzter Azubi hat dann sein Gesellenstück daraus gefertigt, einen Schreibtisch.“ Beide finden, dass solche altehrwürdigen Baumpersönlichkeiten noch ein langes, zweites Dasein in Form eines Möbelstücks, Kunstobjekts oder Gebrauchsgegenstands verdient haben.

Während die Eschen noch bis Anfang 2021 an der frischen Landluft durchtrockneten, startete unser Projekt zunächst mit drei Eichen von Bauer Meyer aus dem Nachbardorf Retzien. „Ein Sturm hatte sie umgeweht“, erinnert sich Hendrik. „Die größte lag entwurzelt quer in der Hofeinfahrt. Sie war geschätzt 150 Jahre alt und ihr Stamm 70 Zentimeter dick.“ Mehr als 400 Bretter konnten die Tischler aus den Sturmeichen gewinnen. Das Interesse war groß: Sie sind inzwischen vergriffen.

Von der Bohle zum Brett

Andreas ist Möbeltischlermeister und hat Kunstgeschichte studiert, Hendrik absolvierte nach zwei Gesellenbriefen noch ein Studium in Metallgestaltung. Da kommen viel Wissen und Können befruchtend zusammen. Unsere Bretter tischlert das Duo in Andreas’ Werkstatt in Groß Wittfeitzen 20, das wie viele wendländische Dörfer so klein ist, dass es keine Straßennamen gibt. Auf dem Firmenschild steht „No. 10“, nach seiner vorherigen Adresse. Erst 2019 hat er sich im Kreativpavillon eines früheren Landschulheims eingerichtet. Neben ihm arbeiten eine Malerin, ein Clown und eine Pferdeheilpraktikerin – ihre zwei Ponys fühlen sich auf dem von Birken und Kiefern umsäumten Freigelände wohl. Werkräume und Maschinen teilt sich Andreas mit einem Harfenbauer, der wegen seiner bunten Hosen auf den Spitznamen „Buxe“ hört. Wenn es danach geht – Andreas müsste „Weste“ heißen, Hendrik „Mütze“.

In der Werkstatt duftet es würzig-harzig nach frisch aufgesägtem Eschenholz. In einer Ecke stapeln sich die schon fertigen Bretter meterhoch. Hendrik hat Mohntorte und Schweinsohren vom Bio-Bäcker nebenan mitgebracht und serviert sie auf einem unverkäuflichen Exemplar. Es ist ergreifend schlicht – bis auf ein Detail: An den Stirnseiten, auch Hirnholz genannt, steckt jeweils eine dünnere, dezent hervorlugende Leiste im Brett, befestigt mit zwei kleinen Holzdübeln.

„Das ist ein Schüssel-Schutz“, klärt Andreas auf. „Holz arbeitet, da es Wasser aufnimmt und abgibt. Beim Trocknen zieht es sich zusammen – am stärksten, um etwa ein Zehntel, in Richtung seiner Jahresringe.“ Er zeichnet mit dem Zeigefinger die schräg verlaufenden Jahresringe nach: „Guck, die Linien sind verschieden lang, entsprechend variiert auch ihr jeweiliges Schwindmaß von zehn Prozent. Die Folge: Das Brett wölbt sich – es schüsselt, wie wir Tischler sagen.“ Üblicherweise seien Massivholzbretter deshalb aus schmalen Streifen mit wechselnder Faserrichtung zusammengeleimt, damit sie plan bleiben. Um unser Brett maximal ökologisch aus purem Holz herzustellen, lösten die Gestalter das Problem mittels der stabilisierenden Leisten. Durch den bewussten Überstand lässt sich das Brett zudem leichter greifen. Auf die Frage, warum es keine Saftrille besitzt, fragt Andreas zurück: „Wozu brauchst du die, willst du ein Reh schlachten? So eine Rille ist doch spießig, die kommt für mich gleich nach dem Knick im Sofakissen!“, schimpft er und Hendrik verschluckt sich vor Lachen fast an den Kuchenkrümeln.

Andreas, der erfahrene Meister holt eine grob zugeschnittene Bohle aus dem Lager und demonstriert die Arbeitsschritte: Zuerst hobelt er das sägeraue Holz glatt und bringt es auf die gewünschte Dicke. Mit der Kreissäge schneidet er es auf Maß, dann frisst die rotierende Fräse zwei Nuten hinein. Es folgt eine Abreibung mit grobkörnigen Papier. Bevor das feine drankommt, wischt Andreas das Brett mit einem feuchten Schwamm ab. „Durch das ,Wässern‘ richten sich die Holzfasern auf. So wird die Oberfläche beim Feinschliff geschmeidig glatt. Fühl mal!“ Stimmt, man könnte sich sogar mit einer Strumpfhose draufsetzen. Zum Schluss schiebt der Tischler die Hirnholzleisten in die Nuten, bohrt je zwei Löchlein, klopft die Holznägel hinein. Fertig.

Den letzten Schliff können Sie Ihrem Brett selbst verpassen – und das gute Stück einölen. „Das Öl bildet eine Schutzschicht, die verhindert, dass Wasser in die Fasern eindringt. Außerdem bringt es die Holzmaserung schön zur Geltung“, sagt Hendrik. „Sonnenblumenöl nehmen, das riecht neutral und wird nicht ranzig.“ Sorgsam behandelt, können unsere Schneidebretter uralt werden – vielleicht sogar älter als die Eschen, aus denen sie gemacht wurden.

 

Hölzerne Lieblingsstücke fürs Leben: 
Weitere Warenhaus-Produkte aus klimafreundlicher lokaler Holznutzung und Verarbeitung sind in Planung. Aus welchen Bäumen und geretteten Hölzern sie künftig bestehen werden, bleibt allerdings offen. Das entscheiden das Schicksal und Finderglück.

Hier geht’s zu unseren Schneidebrettern.

Die Werkstatt von Tischlermeister Andreas Scheffer im Wendland

Erfahrnes Augenmaß: Andreas Scheffer, Tischlermeister mit Expertise für Arbeitsbretter

Multitalent: Hendrik absolvierte nach zwei Gesellenbriefen noch ein Studium in Metallgestaltung

Jeder Arbeitsschritt ist reine Handarbeit (o.l.), Andreas bringt behände die Anti-Schüssel Leisten an (o.r.), Per Hand und ohne Leim werden die Leisten mit Holzdübeln fixiert (u.l.), Alles was anfällt und weiter verarbeitet werden kann landet in der Material-Ecke (u.r.)

Vom Baum zum Holz

Sie ist ein Traum von Baum, die Esche, besonders wenn sie alt, dick und ihre Borke runzelig geworden ist, im reizvollen Kontrast zu den gefiederten Blättern. Doch gegen das Falsche Weiße Stängelbecherchen, einen Pilz, sind selbst die stattlichsten Exemplare machtlos. Zuerst befällt er die Blätter, dann sterben die Triebe ab. So auch im Lüchower Schützenpark im niedersächsischen Wendland. Schnell waren die Kronen vieler Eschen kahl und die kranken Bäume zunehmend eine Gefahr für die Parkbesucherinnen. Als es für die Bäume keine Hoffnung mehr gab und der Park aus Sicherheitsgründen abschnittweise gesperrt werden musste, gab die Denkmalschutzbehörde ihr Einverständnis und die Holzfäller rückten an. Im Februar 2019 fielen 28 Bäume, viele davon mehr als 100 Jahre alt.

Bis hierher eine traurige Geschichte. Doch sie geht tröstlich weiter: Hendrik Hinrichs aus dem 20 Kilometer entfernten Hohenweddrien hatte einen Tipp bekommen, rief bei der Holzfällerfirma an und kaufte ihr gerade noch rechtzeitig einen Großteil der Stämme ab – die sonst gehackt oder gehäckselt in Öfen gelandet wären.

Ungeahnt fette Beute für den freischaffenden Drechsler und Tischler. Meist ergattert er nur einzelne Bäume aus der Umgebung. Im einstigen Schweinestall des großelterlichen Fachwerkhofs gestaltet er daraus zum Beispiel Schalen, Objekte, kleine Möbelstücke und Gewürzmühlen, alles Unikate. „Ich hatte Herzklopfen, als der Transporter ankam: 20 Festmeter feinstes Eschenholz, jeder Stamm fünf Meter lang. Ich wusste erst gar nicht, was ich damit anfangen soll!“, erzählt Hendrik mit ironisch verzweifelter Geste. Er bestellte erst einmal ein mobiles Sägewerk, ließ die Stämme in Bohlen schneiden und stapelte sie zum Trocknen auf.

Kurz darauf klopfte das Greenpeace Magazin Warenhaus an. Wir waren auf der Suche nach einer Manufaktur, mit der wir eigene Massivholzprodukte aus ungenutzten lokalen Ressourcen wie Straßen- und Parkbäumen entwickeln konnten. Und wir waren froh, mit Hendrik Hinrichs und seinem befreundeten Tischlerkollegen Andreas Scheffer nicht nur ein eingespieltes, uns gleichgesinntes Team gefunden zu haben, sondern auch gleich einen hölzernen Schatz dazu. Unsere Idee für die Lüchower Eschen: robuste Küchenarbeitsbretter – ohne Leim, Lack und Schnickschnack in traditioneller Handwerkstechnik gefertigt. Auch weil ihnen wichtig ist, die Herkunft genau zu kennen, kommt den Wendländern überwiegend lokales Holz unter den Hobel. Und zwar bevorzugt solches „von der Straße“.

„Hendrik und ich halten immerzu Ausschau nach Straßen-, Park- oder Gartenbäumen, die einer höheren Gewalt zum Opfer fielen und zum Beispiel aus Gründen der Verkehrssicherung weichen mussten“, erzählt Andreas. Um an die begehrte Ressource zu kommen, pflegen sie Kontakte etwa zu Straßenmeistereien, Holzfällern und Bäuerinnen. „Obwohl sogenanntes Schadholz oft makellos ist, wird das meiste als Brennstoff, Spanplatte oder anderweitig unwürdig verwertet, einfach weil es am schnellsten geht. Jammerschade!“, kritisiert Hendrik augenrollend. Andreas konnte sich zum Beispiel mal die Stämme zweier stolzer, aber todkranker Ulmen sichern: „Herrliches Holz, das für den Kamin bestimmt war! Mein letzter Azubi hat dann sein Gesellenstück daraus gefertigt, einen Schreibtisch.“ Beide finden, dass solche altehrwürdigen Baumpersönlichkeiten noch ein langes, zweites Dasein in Form eines Möbelstücks, Kunstobjekts oder Gebrauchsgegenstands verdient haben.

Während die Eschen noch bis Anfang 2021 an der frischen Landluft durchtrockneten, startete unser Projekt zunächst mit drei Eichen von Bauer Meyer aus dem Nachbardorf Retzien. „Ein Sturm hatte sie umgeweht“, erinnert sich Hendrik. „Die größte lag entwurzelt quer in der Hofeinfahrt. Sie war geschätzt 150 Jahre alt und ihr Stamm 70 Zentimeter dick.“ Mehr als 400 Bretter konnten die Tischler aus den Sturmeichen gewinnen. Das Interesse war groß: Sie sind inzwischen vergriffen.

Von der Bohle zum Brett 

Andreas ist Möbeltischlermeister und hat Kunstgeschichte studiert, Hendrik absolvierte nach zwei Gesellenbriefen noch ein Studium in Metallgestaltung. Da kommen viel Wissen und Können befruchtend zusammen. Unsere Bretter tischlert das Duo in Andreas’ Werkstatt in Groß Wittfeitzen 20, das wie viele wendländische Dörfer so klein ist, dass es keine Straßennamen gibt. Auf dem Firmenschild steht „No. 10“, nach seiner vorherigen Adresse. Erst 2019 hat er sich im Kreativpavillon eines früheren Landschulheims eingerichtet. Neben ihm arbeiten eine Malerin, ein Clown und eine Pferdeheilpraktikerin – ihre zwei Ponys fühlen sich auf dem von Birken und Kiefern umsäumten Freigelände wohl. Werkräume und Maschinen teilt sich Andreas mit einem Harfenbauer, der wegen seiner bunten Hosen auf den Spitznamen „Buxe“ hört. Wenn es danach geht – Andreas müsste „Weste“ heißen, Hendrik „Mütze“. In der Werkstatt duftet es würzig-harzig nach frisch aufgesägtem Eschenholz. 

In einer Ecke stapeln sich die schon fertigen Bretter meterhoch. Hendrik hat Mohntorte und Schweinsohren vom Bio-Bäcker nebenan mitgebracht und serviert sie auf einem unverkäuflichen Exemplar. Es ist ergreifend schlicht – bis auf ein Detail: An den Stirnseiten, auch Hirnholz genannt, steckt jeweils eine dünnere, dezent hervorlugende Leiste im Brett, befestigt mit zwei kleinen Holzdübeln.

„Das ist ein Schüssel-Schutz“, klärt Andreas auf. „Holz arbeitet, da es Wasser aufnimmt und abgibt. Beim Trocknen zieht es sich zusammen – am stärksten, um etwa ein Zehntel, in Richtung seiner Jahresringe.“ Er zeichnet mit dem Zeigefinger die schräg verlaufenden Jahresringe nach: „Guck, die Linien sind verschieden lang, entsprechend variiert auch ihr jeweiliges Schwindmaß von zehn Prozent. Die Folge: Das Brett wölbt sich – es schüsselt, wie wir Tischler sagen.“ Üblicherweise seien Massivholzbretter deshalb aus schmalen Streifen mit wechselnder Faserrichtung zusammengeleimt, damit sie plan bleiben. Um unser Brett maximal ökologisch aus purem Holz herzustellen, lösten die Gestalter das Problem mittels der stabilisierenden Leisten. Durch den bewussten Überstand lässt sich das Brett zudem leichter greifen. Auf die Frage, warum es keine Saftrille besitzt, fragt Andreas zurück: „Wozu brauchst du die, willst du ein Reh schlachten? So eine Rille ist doch spießig, die kommt für mich gleich nach dem Knick im Sofakissen!“, schimpft er und Hendrik verschluckt sich vor Lachen fast an den Kuchenkrümeln.

Andreas, der erfahrene Meister holt eine grob zugeschnittene Bohle aus dem Lager und demonstriert die Arbeitsschritte: Zuerst hobelt er das sägeraue Holz glatt und bringt es auf die gewünschte Dicke. Mit der Kreissäge schneidet er es auf Maß, dann frisst die rotierende Fräse zwei Nuten hinein. Es folgt eine Abreibung mit grobkörnigen Papier. Bevor das feine drankommt, wischt Andreas das Brett mit einem feuchten Schwamm ab. „Durch das ,Wässern‘ richten sich die Holzfasern auf. So wird die Oberfläche beim Feinschliff geschmeidig glatt. Fühl mal!“ Stimmt, man könnte sich sogar mit einer Strumpfhose draufsetzen. Zum Schluss schiebt der Tischler die Hirnholzleisten in die Nuten, bohrt je zwei Löchlein, klopft die Holznägel hinein. Fertig.

Den letzten Schliff können Sie Ihrem Brett selbst verpassen – und das gute Stück einölen. „Das Öl bildet eine Schutzschicht, die verhindert, dass Wasser in die Fasern eindringt. Außerdem bringt es die Holzmaserung schön zur Geltung“, sagt Hendrik. „Sonnenblumenöl nehmen, das riecht neutral und wird nicht ranzig.“ Sorgsam behandelt, können unsere Schneidebretter uralt werden – vielleicht sogar älter als die Eschen, aus denen sie gemacht wurden.

 

Hölzerne Lieblingsstücke fürs Leben 

Weitere Warenhaus-Produkte aus klimafreundlicher lokaler Holznutzung und Verarbeitung sind in Planung. Aus welchen Bäumen und geretteten Hölzern sie künftig bestehen werden, bleibt allerdings offen. Das entscheiden das Schicksal und Finderglück.

Hier geht’s zu unseren Schneidebrettern.

Vom Baum zum Holz 

Sie ist ein Traum von Baum, die Esche, besonders wenn sie alt, dick und ihre Borke runzelig geworden ist, im reizvollen Kontrast zu den gefiederten Blättern. Doch gegen das Falsche Weiße Stängelbecherchen, einen Pilz, sind selbst die stattlichsten Exemplare machtlos. Zuerst befällt er die Blätter, dann sterben die Triebe ab. So auch im Lüchower Schützenpark im niedersächsischen Wendland. Schnell waren die Kronen vieler Eschen kahl und die kranken Bäume zunehmend eine Gefahr für die Parkbesucherinnen. Als es für die Bäume keine Hoffnung mehr gab und der Park aus Sicherheitsgründen abschnittweise gesperrt werden musste, gab die Denkmalschutzbehörde ihr Einverständnis und die Holzfäller rückten an. Im Februar 2019 fielen 28 Bäume, viele davon mehr als 100 Jahre alt.

Bis hierher eine traurige Geschichte. Doch sie geht tröstlich weiter: Hendrik Hinrichs aus dem 20 Kilometer entfernten Hohenweddrien hatte einen Tipp bekommen, rief bei der Holzfällerfirma an und kaufte ihr gerade noch rechtzeitig einen Großteil der Stämme ab – die sonst gehackt oder gehäckselt in Öfen gelandet wären.

Ungeahnt fette Beute für den freischaffenden Drechsler und Tischler. Meist ergattert er nur einzelne Bäume aus der Umgebung. Im einstigen Schweinestall des großelterlichen Fachwerkhofs gestaltet er daraus zum Beispiel Schalen, Objekte, kleine Möbelstücke und Gewürzmühlen, alles Unikate. „Ich hatte Herzklopfen, als der Transporter ankam: 20 Festmeter feinstes Eschenholz, jeder Stamm fünf Meter lang. Ich wusste erst gar nicht, was ich damit anfangen soll!“, erzählt Hendrik mit ironisch verzweifelter Geste. Er bestellte erst einmal ein mobiles Sägewerk, ließ die Stämme in Bohlen schneiden und stapelte sie zum Trocknen auf.

Kurz darauf klopfte das Greenpeace Magazin Warenhaus an. Wir waren auf der Suche nach einer Manufaktur, mit der wir eigene Massivholzprodukte aus ungenutzten lokalen Ressourcen wie Straßen- und Parkbäumen entwickeln konnten. Und wir waren froh, mit Hendrik Hinrichs und seinem befreundeten Tischlerkollegen Andreas Scheffer nicht nur ein eingespieltes, uns gleichgesinntes Team gefunden zu haben, sondern auch gleich einen hölzernen Schatz dazu. Unsere Idee für die Lüchower Eschen: robuste Küchenarbeitsbretter – ohne Leim, Lack und Schnickschnack in traditioneller Handwerkstechnik gefertigt.

Auch weil ihnen wichtig ist, die Herkunft genau zu kennen, kommt den Wendländern überwiegend lokales Holz unter den Hobel. Und zwar bevorzugt solches „von der Straße“. „Hendrik und ich halten immerzu Ausschau nach Straßen-, Park- oder Gartenbäumen, die einer höheren Gewalt zum Opfer fielen und zum Beispiel aus Gründen der Verkehrssicherung weichen mussten“, erzählt Andreas. Um an die begehrte Ressource zu kommen, pflegen sie Kontakte etwa zu Straßenmeistereien, Holzfällern und Bäuerinnen. „Obwohl sogenanntes Schadholz oft makellos ist, wird das meiste als Brennstoff, Spanplatte oder anderweitig unwürdig verwertet, einfach weil es am schnellsten geht. Jammerschade!“, kritisiert Hendrik augenrollend. 

Andreas konnte sich zum Beispiel mal die Stämme zweier stolzer, aber todkranker Ulmen sichern: „Herrliches Holz, das für den Kamin bestimmt war! Mein letzter Azubi hat dann sein Gesellenstück daraus gefertigt, einen Schreibtisch.“ Beide finden, dass solche altehrwürdigen Baumpersönlichkeiten noch ein langes, zweites Dasein in Form eines Möbelstücks, Kunstobjekts oder Gebrauchsgegenstands verdient haben.

Während die Eschen noch bis Anfang 2021 an der frischen Landluft durchtrockneten, startete unser Projekt zunächst mit drei Eichen von Bauer Meyer aus dem Nachbardorf Retzien. „Ein Sturm hatte sie umgeweht“, erinnert sich Hendrik. „Die größte lag entwurzelt quer in der Hofeinfahrt. Sie war geschätzt 150 Jahre alt und ihr Stamm 70 Zentimeter dick.“ Mehr als 400 Bretter konnten die Tischler aus den Sturmeichen gewinnen. Das Interesse war groß: Sie sind inzwischen vergriffen.

Von der Bohle zum Brett 

Andreas ist Möbeltischlermeister und hat Kunstgeschichte studiert, Hendrik absolvierte nach zwei Gesellenbriefen noch ein Studium in Metallgestaltung. Da kommen viel Wissen und Können befruchtend zusammen. Unsere Bretter tischlert das Duo in Andreas’ Werkstatt in Groß Wittfeitzen 20, das wie viele wendländische Dörfer so klein ist, dass es keine Straßennamen gibt. Auf dem Firmenschild steht „No. 10“, nach seiner vorherigen Adresse. Erst 2019 hat er sich im Kreativpavillon eines früheren Landschulheims eingerichtet. Neben ihm arbeiten eine Malerin, ein Clown und eine Pferdeheilpraktikerin – ihre zwei Ponys fühlen sich auf dem von Birken und Kiefern umsäumten Freigelände wohl. Werkräume und Maschinen teilt sich Andreas mit einem Harfenbauer, der wegen seiner bunten Hosen auf den Spitznamen „Buxe“ hört. Wenn es danach geht – Andreas müsste „Weste“ heißen, Hendrik „Mütze“.

In der Werkstatt duftet es würzig-harzig nach frisch aufgesägtem Eschenholz. In einer Ecke stapeln sich die schon fertigen Bretter meterhoch. Hendrik hat Mohntorte und Schweinsohren vom Bio-Bäcker nebenan mitgebracht und serviert sie auf einem unverkäuflichen Exemplar. Es ist ergreifend schlicht – bis auf ein Detail: An den Stirnseiten, auch Hirnholz genannt, steckt jeweils eine dünnere, dezent hervorlugende Leiste im Brett, befestigt mit zwei kleinen Holzdübeln.

„Das ist ein Schüssel-Schutz“, klärt Andreas auf. „Holz arbeitet, da es Wasser aufnimmt und abgibt. Beim Trocknen zieht es sich zusammen – am stärksten, um etwa ein Zehntel, in Richtung seiner Jahresringe.“ Er zeichnet mit dem Zeigefinger die schräg verlaufenden Jahresringe nach: „Guck, die Linien sind verschieden lang, entsprechend variiert auch ihr jeweiliges Schwindmaß von zehn Prozent. Die Folge: Das Brett wölbt sich – es schüsselt, wie wir Tischler sagen.“ Üblicherweise seien Massivholzbretter deshalb aus schmalen Streifen mit wechselnder Faserrichtung zusammengeleimt, damit sie plan bleiben. Um unser Brett maximal ökologisch aus purem Holz herzustellen, lösten die Gestalter das Problem mittels der stabilisierenden Leisten. Durch den bewussten Überstand lässt sich das Brett zudem leichter greifen. Auf die Frage, warum es keine Saftrille besitzt, fragt Andreas zurück: „Wozu brauchst du die, willst du ein Reh schlachten? So eine Rille ist doch spießig, die kommt für mich gleich nach dem Knick im Sofakissen!“, schimpft er und Hendrik verschluckt sich vor Lachen fast an den Kuchenkrümeln.

Andreas, der erfahrene Meister holt eine grob zugeschnittene Bohle aus dem Lager und demonstriert die Arbeitsschritte: Zuerst hobelt er das sägeraue Holz glatt und bringt es auf die gewünschte Dicke. Mit der Kreissäge schneidet er es auf Maß, dann frisst die rotierende Fräse zwei Nuten hinein. Es folgt eine Abreibung mit grobkörnigen Papier. Bevor das feine drankommt, wischt Andreas das Brett mit einem feuchten Schwamm ab. „Durch das ,Wässern‘ richten sich die Holzfasern auf. So wird die Oberfläche beim Feinschliff geschmeidig glatt. Fühl mal!“ Stimmt, man könnte sich sogar mit einer Strumpfhose draufsetzen. Zum Schluss schiebt der Tischler die Hirnholzleisten in die Nuten, bohrt je zwei Löchlein, klopft die Holznägel hinein. Fertig.

Den letzten Schliff können Sie Ihrem Brett selbst verpassen – und das gute Stück einölen. „Das Öl bildet eine Schutzschicht, die verhindert, dass Wasser in die Fasern eindringt. Außerdem bringt es die Holzmaserung schön zur Geltung“, sagt Hendrik. „Sonnenblumenöl nehmen, das riecht neutral und wird nicht ranzig.“ Sorgsam behandelt, können unsere Schneidebretter uralt werden – vielleicht sogar älter als die Eschen, aus denen sie gemacht wurden.

Hölzerne Lieblingsstücke fürs Leben 

Weitere Warenhaus-Produkte aus klimafreundlicher lokaler Holznutzung und Verarbeitung sind in Planung. Aus welchen Bäumen und geretteten Hölzern sie künftig bestehen werden, bleibt allerdings offen. Das entscheiden das Schicksal und Finderglück.

Hier geht’s zu unseren Schneidebrettern.

Vom Baum zum Holz 

Sie ist ein Traum von Baum, die Esche, besonders wenn sie alt, dick und ihre Borke runzelig geworden ist, im reizvollen Kontrast zu den gefiederten Blättern. Doch gegen das Falsche Weiße Stängelbecherchen, einen Pilz, sind selbst die stattlichsten Exemplare machtlos. Zuerst befällt er die Blätter, dann sterben die Triebe ab. So auch im Lüchower Schützenpark im niedersächsischen Wendland. Schnell waren die Kronen vieler Eschen kahl und die kranken Bäume zunehmend eine Gefahr für die Parkbesucherinnen. Als es für die Bäume keine Hoffnung mehr gab und der Park aus Sicherheitsgründen abschnittweise gesperrt werden musste, gab die Denkmalschutzbehörde ihr Einverständnis und die Holzfäller rückten an. Im Februar 2019 fielen 28 Bäume, viele davon mehr als 100 Jahre alt.

Bis hierher eine traurige Geschichte. Doch sie geht tröstlich weiter: Hendrik Hinrichs aus dem 20 Kilometer entfernten Hohenweddrien hatte einen Tipp bekommen, rief bei der Holzfällerfirma an und kaufte ihr gerade noch rechtzeitig einen Großteil der Stämme ab – die sonst gehackt oder gehäckselt in Öfen gelandet wären.

Ungeahnt fette Beute für den freischaffenden Drechsler und Tischler. Meist ergattert er nur einzelne Bäume aus der Umgebung. Im einstigen Schweinestall des großelterlichen Fachwerkhofs gestaltet er daraus zum Beispiel Schalen, Objekte, kleine Möbelstücke und Gewürzmühlen, alles Unikate. „Ich hatte Herzklopfen, als der Transporter ankam: 20 Festmeter feinstes Eschenholz, jeder Stamm fünf Meter lang. Ich wusste erst gar nicht, was ich damit anfangen soll!“, erzählt Hendrik mit ironisch verzweifelter Geste. Er bestellte erst einmal ein mobiles Sägewerk, ließ die Stämme in Bohlen schneiden und stapelte sie zum Trocknen auf.

Kurz darauf klopfte das Greenpeace Magazin Warenhaus an. Wir waren auf der Suche nach einer Manufaktur, mit der wir eigene Massivholzprodukte aus ungenutzten lokalen Ressourcen wie Straßen- und Parkbäumen entwickeln konnten. Und wir waren froh, mit Hendrik Hinrichs und seinem befreundeten Tischlerkollegen Andreas Scheffer nicht nur ein eingespieltes, uns gleichgesinntes Team gefunden zu haben, sondern auch gleich einen hölzernen Schatz dazu. Unsere Idee für die Lüchower Eschen: robuste Küchenarbeitsbretter – ohne Leim, Lack und Schnickschnack in traditioneller Handwerkstechnik gefertigt.

Auch weil ihnen wichtig ist, die Herkunft genau zu kennen, kommt den Wendländern überwiegend lokales Holz unter den Hobel. Und zwar bevorzugt solches „von der Straße“. „Hendrik und ich halten immerzu Ausschau nach Straßen-, Park- oder Gartenbäumen, die einer höheren Gewalt zum Opfer fielen und zum Beispiel aus Gründen der Verkehrssicherung weichen mussten“, erzählt Andreas. Um an die begehrte Ressource zu kommen, pflegen sie Kontakte etwa zu Straßenmeistereien, Holzfällern und Bäuerinnen.

„Obwohl sogenanntes Schadholz oft makellos ist, wird das meiste als Brennstoff, Spanplatte oder anderweitig unwürdig verwertet, einfach weil es am schnellsten geht. Jammerschade!“, kritisiert Hendrik augenrollend. Andreas konnte sich zum Beispiel mal die Stämme zweier stolzer, aber todkranker Ulmen sichern: „Herrliches Holz, das für den Kamin bestimmt war! Mein letzter Azubi hat dann sein Gesellenstück daraus gefertigt, einen Schreibtisch.“ Beide finden, dass solche altehrwürdigen Baumpersönlichkeiten noch ein langes, zweites Dasein in Form eines Möbelstücks, Kunstobjekts oder Gebrauchsgegenstands verdient haben.

Während die Eschen noch bis Anfang 2021 an der frischen Landluft durchtrockneten, startete unser Projekt zunächst mit drei Eichen von Bauer Meyer aus dem Nachbardorf Retzien. „Ein Sturm hatte sie umgeweht“, erinnert sich Hendrik. „Die größte lag entwurzelt quer in der Hofeinfahrt. Sie war geschätzt 150 Jahre alt und ihr Stamm 70 Zentimeter dick.“ Mehr als 400 Bretter konnten die Tischler aus den Sturmeichen gewinnen. Das Interesse war groß: Sie sind inzwischen vergriffen. 

Von der Bohle zum Brett 

Andreas ist Möbeltischlermeister und hat Kunstgeschichte studiert, Hendrik absolvierte nach zwei Gesellenbriefen noch ein Studium in Metallgestaltung. Da kommen viel Wissen und Können befruchtend zusammen. Unsere Bretter tischlert das Duo in Andreas’ Werkstatt in Groß Wittfeitzen 20, das wie viele wendländische Dörfer so klein ist, dass es keine Straßennamen gibt. Auf dem Firmenschild steht „No. 10“, nach seiner vorherigen Adresse. Erst 2019 hat er sich im Kreativpavillon eines früheren Landschulheims eingerichtet. Neben ihm arbeiten eine Malerin, ein Clown und eine Pferdeheilpraktikerin – ihre zwei Ponys fühlen sich auf dem von Birken und Kiefern umsäumten Freigelände wohl. Werkräume und Maschinen teilt sich Andreas mit einem Harfenbauer, der wegen seiner bunten Hosen auf den Spitznamen „Buxe“ hört. Wenn es danach geht – Andreas müsste „Weste“ heißen, Hendrik „Mütze“.

In der Werkstatt duftet es würzig-harzig nach frisch aufgesägtem Eschenholz. In einer Ecke stapeln sich die schon fertigen Bretter meterhoch. Hendrik hat Mohntorte und Schweinsohren vom Bio-Bäcker nebenan mitgebracht und serviert sie auf einem unverkäuflichen Exemplar. Es ist ergreifend schlicht – bis auf ein Detail: An den Stirnseiten, auch Hirnholz genannt, steckt jeweils eine dünnere, dezent hervorlugende Leiste im Brett, befestigt mit zwei kleinen Holzdübeln.

„Das ist ein Schüssel-Schutz“, klärt Andreas auf. „Holz arbeitet, da es Wasser aufnimmt und abgibt. Beim Trocknen zieht es sich zusammen – am stärksten, um etwa ein Zehntel, in Richtung seiner Jahresringe.“ Er zeichnet mit dem Zeigefinger die schräg verlaufenden Jahresringe nach: „Guck, die Linien sind verschieden lang, entsprechend variiert auch ihr jeweiliges Schwindmaß von zehn Prozent. Die Folge: Das Brett wölbt sich – es schüsselt, wie wir Tischler sagen.“ Üblicherweise seien Massivholzbretter deshalb aus schmalen Streifen mit wechselnder Faserrichtung zusammengeleimt, damit sie plan bleiben. Um unser Brett maximal ökologisch aus purem Holz herzustellen, lösten die Gestalter das Problem mittels der stabilisierenden Leisten. Durch den bewussten Überstand lässt sich das Brett zudem leichter greifen. Auf die Frage, warum es keine Saftrille besitzt, fragt Andreas zurück: „Wozu brauchst du die, willst du ein Reh schlachten? So eine Rille ist doch spießig, die kommt für mich gleich nach dem Knick im Sofakissen!“, schimpft er und Hendrik verschluckt sich vor Lachen fast an den Kuchenkrümeln.

Andreas, der erfahrene Meister holt eine grob zugeschnittene Bohle aus dem Lager und demonstriert die Arbeitsschritte: Zuerst hobelt er das sägeraue Holz glatt und bringt es auf die gewünschte Dicke. Mit der Kreissäge schneidet er es auf Maß, dann frisst die rotierende Fräse zwei Nuten hinein. Es folgt eine Abreibung mit grobkörnigen Papier. Bevor das feine drankommt, wischt Andreas das Brett mit einem feuchten Schwamm ab. „Durch das ,Wässern‘ richten sich die Holzfasern auf. So wird die Oberfläche beim Feinschliff geschmeidig glatt. Fühl mal!“ Stimmt, man könnte sich sogar mit einer Strumpfhose draufsetzen. Zum Schluss schiebt der Tischler die Hirnholzleisten in die Nuten, bohrt je zwei Löchlein, klopft die Holznägel hinein. Fertig.

Den letzten Schliff können Sie Ihrem Brett selbst verpassen – und das gute Stück einölen. „Das Öl bildet eine Schutzschicht, die verhindert, dass Wasser in die Fasern eindringt. Außerdem bringt es die Holzmaserung schön zur Geltung“, sagt Hendrik. „Sonnenblumenöl nehmen, das riecht neutral und wird nicht ranzig.“ Sorgsam behandelt, können unsere Schneidebretter uralt werden – vielleicht sogar älter als die Eschen, aus denen sie gemacht wurden.

Vom Baum zum Holz 

Sie ist ein Traum von Baum, die Esche, besonders wenn sie alt, dick und ihre Borke runzelig geworden ist, im reizvollen Kontrast zu den gefiederten Blättern. Doch gegen das Falsche Weiße Stängelbecherchen, einen Pilz, sind selbst die stattlichsten Exemplare machtlos. Zuerst befällt er die Blätter, dann sterben die Triebe ab. So auch im Lüchower Schützenpark im niedersächsischen Wendland. Schnell waren die Kronen vieler Eschen kahl und die kranken Bäume zunehmend eine Gefahr für die Parkbesucherinnen. Als es für die Bäume keine Hoffnung mehr gab und der Park aus Sicherheitsgründen abschnittweise gesperrt werden musste, gab die Denkmalschutzbehörde ihr Einverständnis und die Holzfäller rückten an. Im Februar 2019 fielen 28 Bäume, viele davon mehr als 100 Jahre alt.

Bis hierher eine traurige Geschichte. Doch sie geht tröstlich weiter: Hendrik Hinrichs aus dem 20 Kilometer entfernten Hohenweddrien hatte einen Tipp bekommen, rief bei der Holzfällerfirma an und kaufte ihr gerade noch rechtzeitig einen Großteil der Stämme ab – die sonst gehackt oder gehäckselt in Öfen gelandet wären.

Ungeahnt fette Beute für den freischaffenden Drechsler und Tischler. Meist ergattert er nur einzelne Bäume aus der Umgebung. Im einstigen Schweinestall des großelterlichen Fachwerkhofs gestaltet er daraus zum Beispiel Schalen, Objekte, kleine Möbelstücke und Gewürzmühlen, alles Unikate. „Ich hatte Herzklopfen, als der Transporter ankam: 20 Festmeter feinstes Eschenholz, jeder Stamm fünf Meter lang. Ich wusste erst gar nicht, was ich damit anfangen soll!“, erzählt Hendrik mit ironisch verzweifelter Geste. Er bestellte erst einmal ein mobiles Sägewerk, ließ die Stämme in Bohlen schneiden und stapelte sie zum Trocknen auf.

Kurz darauf klopfte das Greenpeace Magazin Warenhaus an. Wir waren auf der Suche nach einer Manufaktur, mit der wir eigene Massivholzprodukte aus ungenutzten lokalen Ressourcen wie Straßen- und Parkbäumen entwickeln konnten. Und wir waren froh, mit Hendrik Hinrichs und seinem befreundeten Tischlerkollegen Andreas Scheffer nicht nur ein eingespieltes, uns gleichgesinntes Team gefunden zu haben, sondern auch gleich einen hölzernen Schatz dazu. Unsere Idee für die Lüchower Eschen: robuste Küchenarbeitsbretter – ohne Leim, Lack und Schnickschnack in traditioneller Handwerkstechnik gefertigt.

Auch weil ihnen wichtig ist, die Herkunft genau zu kennen, kommt den Wendländern überwiegend lokales Holz unter den Hobel. Und zwar bevorzugt solches „von der Straße“. „Hendrik und ich halten immerzu Ausschau nach Straßen-, Park- oder Gartenbäumen, die einer höheren Gewalt zum Opfer fielen und zum Beispiel aus Gründen der Verkehrssicherung weichen mussten“, erzählt Andreas. Um an die begehrte Ressource zu kommen, pflegen sie Kontakte etwa zu Straßenmeistereien, Holzfällern und Bäuerinnen.

„Obwohl sogenanntes Schadholz oft makellos ist, wird das meiste als Brennstoff, Spanplatte oder anderweitig unwürdig verwertet, einfach weil es am schnellsten geht. Jammerschade!“, kritisiert Hendrik augenrollend. Andreas konnte sich zum Beispiel mal die Stämme zweier stolzer, aber todkranker Ulmen sichern: „Herrliches Holz, das für den Kamin bestimmt war! Mein letzter Azubi hat dann sein Gesellenstück daraus gefertigt, einen Schreibtisch.“ Beide finden, dass solche altehrwürdigen Baumpersönlichkeiten noch ein langes, zweites Dasein in Form eines Möbelstücks, Kunstobjekts oder Gebrauchsgegenstands verdient haben.

Während die Eschen noch bis Anfang 2021 an der frischen Landluft durchtrockneten, startete unser Projekt zunächst mit drei Eichen von Bauer Meyer aus dem Nachbardorf Retzien. „Ein Sturm hatte sie umgeweht“, erinnert sich Hendrik. „Die größte lag entwurzelt quer in der Hofeinfahrt. Sie war geschätzt 150 Jahre alt und ihr Stamm 70 Zentimeter dick.“ Mehr als 400 Bretter konnten die Tischler aus den Sturmeichen gewinnen. Das Interesse war groß: Sie sind inzwischen vergriffen. 

Von der Bohle zum Brett 

Andreas ist Möbeltischlermeister und hat Kunstgeschichte studiert, Hendrik absolvierte nach zwei Gesellenbriefen noch ein Studium in Metallgestaltung. Da kommen viel Wissen und Können befruchtend zusammen. Unsere Bretter tischlert das Duo in Andreas’ Werkstatt in Groß Wittfeitzen 20, das wie viele wendländische Dörfer so klein ist, dass es keine Straßennamen gibt. Auf dem Firmenschild steht „No. 10“, nach seiner vorherigen Adresse. Erst 2019 hat er sich im Kreativpavillon eines früheren Landschulheims eingerichtet. Neben ihm arbeiten eine Malerin, ein Clown und eine Pferdeheilpraktikerin – ihre zwei Ponys fühlen sich auf dem von Birken und Kiefern umsäumten Freigelände wohl. Werkräume und Maschinen teilt sich Andreas mit einem Harfenbauer, der wegen seiner bunten Hosen auf den Spitznamen „Buxe“ hört. Wenn es danach geht – Andreas müsste „Weste“ heißen, Hendrik „Mütze“.

In der Werkstatt duftet es würzig-harzig nach frisch aufgesägtem Eschenholz. In einer Ecke stapeln sich die schon fertigen Bretter meterhoch. Hendrik hat Mohntorte und Schweinsohren vom Bio-Bäcker nebenan mitgebracht und serviert sie auf einem unverkäuflichen Exemplar. Es ist ergreifend schlicht – bis auf ein Detail: An den Stirnseiten, auch Hirnholz genannt, steckt jeweils eine dünnere, dezent hervorlugende Leiste im Brett, befestigt mit zwei kleinen Holzdübeln.

„Das ist ein Schüssel-Schutz“, klärt Andreas auf. „Holz arbeitet, da es Wasser aufnimmt und abgibt. Beim Trocknen zieht es sich zusammen – am stärksten, um etwa ein Zehntel, in Richtung seiner Jahresringe.“ Er zeichnet mit dem Zeigefinger die schräg verlaufenden Jahresringe nach: „Guck, die Linien sind verschieden lang, entsprechend variiert auch ihr jeweiliges Schwindmaß von zehn Prozent. Die Folge: Das Brett wölbt sich – es schüsselt, wie wir Tischler sagen.“ Üblicherweise seien Massivholzbretter deshalb aus schmalen Streifen mit wechselnder Faserrichtung zusammengeleimt, damit sie plan bleiben. Um unser Brett maximal ökologisch aus purem Holz herzustellen, lösten die Gestalter das Problem mittels der stabilisierenden Leisten. Durch den bewussten Überstand lässt sich das Brett zudem leichter greifen. Auf die Frage, warum es keine Saftrille besitzt, fragt Andreas zurück: „Wozu brauchst du die, willst du ein Reh schlachten? So eine Rille ist doch spießig, die kommt für mich gleich nach dem Knick im Sofakissen!“, schimpft er und Hendrik verschluckt sich vor Lachen fast an den Kuchenkrümeln.

Andreas, der erfahrene Meister holt eine grob zugeschnittene Bohle aus dem Lager und demonstriert die Arbeitsschritte: Zuerst hobelt er das sägeraue Holz glatt und bringt es auf die gewünschte Dicke. Mit der Kreissäge schneidet er es auf Maß, dann frisst die rotierende Fräse zwei Nuten hinein. Es folgt eine Abreibung mit grobkörnigen Papier. Bevor das feine drankommt, wischt Andreas das Brett mit einem feuchten Schwamm ab. „Durch das ,Wässern‘ richten sich die Holzfasern auf. So wird die Oberfläche beim Feinschliff geschmeidig glatt. Fühl mal!“ Stimmt, man könnte sich sogar mit einer Strumpfhose draufsetzen. Zum Schluss schiebt der Tischler die Hirnholzleisten in die Nuten, bohrt je zwei Löchlein, klopft die Holznägel hinein. Fertig.

Den letzten Schliff können Sie Ihrem Brett selbst verpassen – und das gute Stück einölen. „Das Öl bildet eine Schutzschicht, die verhindert, dass Wasser in die Fasern eindringt. Außerdem bringt es die Holzmaserung schön zur Geltung“, sagt Hendrik. „Sonnenblumenöl nehmen, das riecht neutral und wird nicht ranzig.“ Sorgsam behandelt, können unsere Schneidebretter uralt werden – vielleicht sogar älter als die Eschen, aus denen sie gemacht wurden.

Hölzerne Lieblingsstücke fürs Leben 

Weitere Warenhaus-Produkte aus klimafreundlicher lokaler Holznutzung und Verarbeitung sind in Planung. Aus welchen Bäumen und geretteten Hölzern sie künftig bestehen werden, bleibt allerdings offen. Das entscheiden das Schicksal und Finderglück.

Hier geht’s zu unseren Schneidebrettern.

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